Scham oder Schuld? Was ist übler?

Unter Psychologen, Philosophen, Anthropologen und Theologen herrscht zuweilen ein edler Wettstreit, was moralisch anspruchsvoller sei: Scham? Oder Schuld? Kinder durch Beschämung zu lenken ist vor allem in Stammeskulturen verbreitet, wo die Zugehörigkeit zur Großfamilie das Überleben sichert. Wer da selbstbewusst aus der Reihe tanzt, bringt vor den betretenen Blicken der Gemeinschaft Schande über seine Angehörigen. Nein, das wünscht sich niemand! In unserer christlich geprägten Umgebung hingegen quälen sich oft schon die ganz kleinen Sünder mit riesengroßen Schuldgefühlen.

Das gilt sogar dann, wenn niemand als sie selbst (und allenfalls der liebe Gott) um ihre Missetaten wissen. Daher, so heißt es dann, haben wir hierzulande wohl die höhere Stufe der Moral erklommen... Andererseits gilt Ihre Schuld nur für das, was Sie tatsächlich getan oder unterlassen haben. Insofern müsste sie wohl leichter zu verkraften sein als Scham. Denn die wertet Ihre gesamte Persönlichkeit ab, indem man Ihnen einhämmert: Sie sind anders, als Sie sein sollten.

Das tut weh. Und so fühlen Sie sich womöglich jahre- oder gar jahrzehntelang, je nachdem, dumm, hässlich, tollpatschig oder wertlos. Ob diese Bezeichnungen auf Sie überhaupt jemals zutrafen, spielt dabei gar keine Rolle! Allerdings:

 

Nicht jeder leidet darunter. Schade!

Vermutlich gibt es überall auf der Welt einen gewissen Prozentsatz an Psychopathen: Menschen mit scharfkantigen Ellenbogen, die um jeden Preis ihre eigenen egoistischen Interessen durchsetzen, ganz gleich, ob in deren Gefolge Kriege, Seuchen, Hungersnöte oder Massenvergiftungen mit zahllosen Toten auftreten. Hauptsache: Ihnen geht's gut, die Kasse stimmt, die Aktien steigen, die Verdauung klappt prächtig und die karrieregeilen Speichellecker, mit denen sie sich vorsorglich umgeben haben, tanzen so unermüdlich wie Duracell-Häschen nach ihrer Pfeife. Scham? Keine Spur. Schuldgefühle? Fehlanzeige. „Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt. Ich fühle mich sauwohl!“ Ja, solche Leute gibt es, traurigerweise gerade unter den Erfolgreichsten und Mächtigsten.

Aber sollten wir sie uns zum Vorbild nehmen? Natürlich nicht. Hin und wieder ist ein schlechtes Gewissen ja durchaus berechtigt. Nur leider:

  

Meist quälen sich die Falschen damit rum

Diejenigen, die sich Scham und Schuld ganz besonders zu Herzen nehmen, sind in der Regel empfindsame, ja, hochsensible Wesen und fallen daher leicht den weniger zart besaiteten Leuten zum Opfer, die das gnadenlos auszubeuten verstehen. Scham- oder Schuldgefühle sind nur für kurze Zeit sinnvoll und gesund. Vorausgesetzt, Sie lernen daraus etwas für Ihr künftiges Verhalten! Wenn Sie sich aber ständig damit herumschlagen, kostet Sie das eine Menge positiver Energie und hindert Sie daran, anderen „auf Augenhöhe“ zu begegnen: Am liebsten wären Sie unsichtbar. Wie aber können Sie unberechtigte...

 

Scham- und Schuldgefühle auflösen?

Auf diesem Gebiet hat die Klopf-Akupressur Beachtliches geleistet: Denn das Klopfen trennt ja, wie gesagt, die negativen Emotionen von der eigentlichen Erinnerung.  Im Gedächtnis bleibt zuguterletzt nur noch „etwas, das mir damals passiert ist“, jedoch ohne  beklemmende Auswirkungen auf die Gegenwart oder Zukunft. Gary Craig hat unter anderem beeindruckende Erfolge bei der Behandlung von schwer traumatisierten Kriegs-Veteranen erzielt. Traumata entstehen eben nicht nur durch körperliche und seelische Verletzungen, die wir als Opfer erleiden oder als hilflose Zuschauer mitansehen mussten, sondern auch durch Taten, die wir begangen haben. Ja:

 

Klopf-Akupressur hilft auch den Tätern

Aus Gary Craigs Schilderungen seiner Erfolge beim Posttraumatischen Belastungs-Syndrom (PTBS) kommt mir da ein ehemaliger US-Soldat in den Sinn: Er hatte als 19-jähriger in Vietnam absichtlich einen fünfjährigen Jungen erschossen; der Kleine war mit einer Handgranate in der Hand auf ihn zugerannt. In seiner Panik zielte der Rekrut, genau wie man es ihm eingedrillt hatte, auf den Kopf des Kindes und ballerte das Magazin seines Maschinengewehrs leer. Er wurde nie dafür zur Rechenschaft gezogen. Doch seither, mehr als 20 Jahre lang, litt er unter schweren Depressionen, häufigen Flash-Backs und allnächtlichen Alpträumen.

Nach Gary Craigs Behandlung besserte sich sein Zustand so weit,  dass er sich jetzt damit trösten kann: „Es war halt Krieg...“. 

Nun, wir alle wissen aus dem Geschichtsunterricht, dass unsere Soldaten leider keineswegs immer und überall die Guten waren. In den USA hat sich diese Einsicht bislang noch nicht so herumgesprochen. 

Nichtsdestoweniger wünsche ich diesem Veteranen, dass er nach seiner Genesung wenigstens irgendetwas unternommen hat, um zu einer ausgleichenden Gerechtigkeit beizutragen. Das dient nämlich ganz allgemein zugleich der eigenen seelischen Gesundheit.

 

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